Martin Luther, der Zwiespalt und meine 5 Thesen zu Lernergebnissen

Eingang zur Veste Coburg Ohne Frage – Europa und die Welt haben Martin Luther viel zu verdanken, denn durch sein kritisches Hinterfragen schob er Denkprozesse an, die bis in die heutige Zeit reichen. Zum 500-ten Jahrestag versäumten wir es natürlich nicht, im nahen Coburg die Bayerische Landesausstellung “‘Ritter, Bauern, Lutheraner zu besuchen (noch bis 05.11.2017).

Zeitlich reichte es nur für einen Gang über den Schloßpark und die Veste, die Moritzkirche ließen wir aus. Doch die Ausstellersmacher waren ohnehin (zu) gründlich. Zwar durchaus textgewohnt, doch bei dieser Masse an dargebotenen Inhalten ging unsere Aufnahmekapazität an ihre Grenzen. Rettung bot der Ausstellungskatalog, der ob des Fotografierverbots zweckst Nachhaltigkeit zu empfehlen ist.

Veste Coburg bei NachtMit zwiespältigen Gefühlen traten wir um 18 Uhr (Ausstellungsschluss) aus der hoch über der Stadt thronenden “Fränkischen Krone” in die Schwärze des Parks hinaus. Der Beinahe-Vollmond erhellte den inneren Aufruhr nicht wesentlich. Luther, oder auch: Luder (sein eigentlicher Geburtsname), war trotz allem Selbstdenkens doch auch ein Kind seiner Zeit. Zur Hexenverbrennung trug er zwar nicht selbst bei und riet auch nicht explizit zur Verfolgung auf, dennoch ließ er keinen Zweifel daran, dass die Satansanhänger/innen mit dem Tode zu bestrafen wären. Und wie auch heutzutage sich so manch einer von seinen inneren Einstellungen entfernt, wenn sich Hetze und der Mob (das Mobbing) intensiv der Medien bemächtigen, wandelte sich auch Luthers eher gemäßigte, handreichende Vorstellung eines gelingenden Miteinanders von Juden und Nicht-Juden hin zum Negativen.

Anders denken macht mürbe

Ja, anders denken wollen und können macht mürbe, wenn alles um einem herum es nicht verstehen mag. Soll man sich eines “Besseren belehren lassen”, oder soll man weiterhin seinen eigenen Erkenntnissen folgen? Ist es Starrheit oder Standhaftigkeit, ist es Lernfähigkeit oder Wankelmut? In Luthers Haut hätte ich  nicht stecken mögen. Doch als evangelisch-lutherisch geborene Fränkin mit einer katholisch geprägten (nicht sonderlich besonders praktizierenden) Mutter (er)kenne auch ICH nicht immer auf Anhieb, was der “einzig wahre” Glaube ist bzw. seine zu bewahrende und zu lebende kirchliche Entsprechung. Ich “kann” beides, und ich kritisiere beides – also das Kirchliche, nicht den Glauben an sich. Darum waren die Veranstaltungen rund um die Reformation für mich persönlich eine gute Gelegenheit, ein wenig von Luthers innerer Zerissenheit, aber auch seines standhaften “Gott helfe mir, Amen” zu erfahren.

Was ich an ihm unbedingt schätze: Er war zeitlebens ein begierig Lernender, und DAS zumindest verstehe ich gut. Er sprach auch nicht von einem anzustrebenden Ergebnisses namens Kirchenspaltung. Hingegen stellte er viele Fragen und bot mit seinen Worten und Schriften Anlass zum Denken für jedermann, ob Klerus, Adel, Bürger, Handwerker oder Bauer, im Besonderen aber den Humanisten. Nein, ein Lernergebnis hat er nicht vorgegeben, vielmehr ein Lernziel, nämlich die Rückbesinnung auf das Wesentliche (hier die ursprünglichen christlichen Werte, festgehalten in der Bibel), bei dem es noch genug zu interpretieren und zu übersetzen gab. Er war wohl mehr ein Ideengeber, nicht ein Ergebniseinforderer. Ideen und Ziele vorgeben, nicht Ergebnisse einfordern, das sehe ich als rechtes Maß. Was ich näher erläutern möchte.

5 (Anti-)Thesen zu Lernergebnissen

Ich mag es so gar nicht, wenn Institutionen wie das ZBIW Köln mich als Referentin auffordert, bereits im Vorfeld Lernergebnisse festzulegen, wenn die Fortbildung noch gar nicht stattgefunden hat. Was weiß denn ICH schon, welche inneren Wege meine Teilnehmenden beschreiten werden und was sie tatsächlich aus der Fortbildung herausnehmen oder auch für sich verwandeln möchten? Doch hier stehe ich wiedereinmal und kann nicht anders, weil ich es gegenüber meinem Kunden und Brötchengeber nicht schaffe, mich zu widersetzen. Anders als Luther kann ich nicht auf zahlreiche Glaubensgeschwister oder -brüder zurückgreifen, um mir den Rücken stärken zu lassen. Nun gut, andere sind gleich noch weniger couragiert als ich, sich gegen dieses Ansinnen zu wehren. Ich tat es immerhin auch schon mündlich und während des Bibliothekskongresses sowie hier.

Nun schlage ich, angeregt durch Luther, meine Thesen an diese Weblog-Tür, die immerhin mir gehört. Vielleicht mag man das ja diskutieren?

Lernergebnisse versus Lernziel – meine 5 Thesen

  1. Lernergebnisse im Voraus festzulegen wirkt herablassend. Es erhebt die lehrende Person über die lernende Person. Die lehrende Person ist in der modernen Erwachsenenbildung jedoch eine lernbegleitende Person und kann von daher keine Ergebnisse vorschreiben, lediglich gemeinsame Lernziele postulieren.
  2. Von Lernergebnissen zu sprechen ist ein nicht einhaltbares Versprechen. Jeder Mensch verknüpft vorgesetztes Wissen mit seinem eigenen Erfahrungshorizont und wird daher etwas anderes lernen als vom Lehrenden im Ergebnis beabsichtigt. Und das ist sein gutes Recht, zu jeder Zeit und auch, wenn der Arbeitgeber für etwas anderes bezahlt haben mag.
  3. Lernergebnisse vorzuschreiben wirkt entwürdigend. Weil es den individuellen Lernwunsch der Teilnehmenden nicht von Beginn an würdigt. Die Teilnehmenden können nicht zwingend davon ausgehen, dass sie während des Seminars eine Chance haben, selbstangestrebte Lernergebnisse zu verfolgen.
  4. Lernergebnisse vorzusetzen wirkt langweilig, kreativlos und entmutigend. In der heutigen Zeit, die aus gutem Grund auf Selbermachen, Selberlernen, Selberdenken und Selbstbewusstsein setzt, klinge es wie ein trotziger Ruf aus längst überstandenen Herrschaftswissenstagen. Klar, Lernergebnisse können besser abgeprüft werden, doch sind sie auch nachhaltig? Nur mit viel Glück.
  5. Lernziele ist und bleibt der adäquate Begriff. Denn zielgerichtet, zielführend oder zielorientiert zu lernen lässt Freiheiten zu, für den Lehrenden wie für den Lernenden. Lernergebnisse vorzusetzen und damit zu fordern spielt lediglich dem Ansinnen von Prüfungsresultaten in die Hände.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir sind doch nicht mehr in der Schule – oder doch?! Wie schrecklich … das war damals schon nicht motivierend und wird es im mündigen, schulbefreiten Erwachsenenleben auch nicht mehr sein.

Nicht umsonst war das letzte Zimmer der Landesausstellung zu Luther genau diesem Thema, der Freiheit, gewidmet. Diese nehme ich mir. Zumindest hier. Ob es zu einer Reform reicht?

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