Mit dem Schulbeginn kehrt für viele Kinder und Jugendliche ein vertrauter Rhythmus und ein Stück Sicherheit zurück, bestehend aus Unterricht, Pausen, Hausaufgaben, Prüfungen und Freundschaften. Doch nicht alle jungen Menschen starten unter den gleichen Bedingungen. Manche Familien leben in beengten oder unsicheren Wohnverhältnissen, andere sind von Wohnungslosigkeit bedroht oder auf eine Notunterkunft angewiesen. In unserem immer noch reichen Land sollte kein Schüler und keine Schülerin den Schultag auf der Straße oder aus einer Obdachlosenunterkunft heraus bewältigen müssen.
Hier kommen öffentliche Orte wie Bibliotheken ins Spiel. Sie sind zwar keine Notunterkünfte und können soziale Dienste nicht ersetzen. Doch sie können zugängliche, respektvolle und möglichst sichere Orte sein, um zu Lesen und zu Lernen, für Internetzugang, Information und Begegnung. Voraussetzung ist, dass Bibliotheken ihre Rolle realistisch einschätzen und Menschen in Wohnungsnot nicht als Störung, sondern als Teil der Stadtgesellschaft wahrnehmen.
Bildungsarbeit beginnt deshalb nicht erst mit einem Kurs oder einer Veranstaltung. Sie beginnt mit der Frage, wie eine Einrichtung mit Menschen umgeht, deren Lebenssituation von Unsicherheit geprägt ist. Dazu gehören klare, menschenwürdige Regeln, diskriminierungssensible Sprache und Handlungssicherheit für die Mitarbeitenden. Ebenso wichtig ist, Menschen mit eigener Erfahrung von Wohnungsnot einzubeziehen – nicht nur als Zielgruppe, sondern als Expertinnen und Experten ihrer Lebenslage.
Zum Schulbeginn lohnt sich daher ein weiter Blick auf Bildung. Lernen braucht Zeit, Konzentration und Unterstützung. Es braucht aber auch einen Ort, an dem man sich sicher fühlen kann. Die Verantwortung dafür liegt nicht bei den Kindern und Jugendlichen selbst. Sie liegt bei uns allen – in Familien, Schulen, Kommunen, sozialen Einrichtungen und auch in den öffentlichen Orten, die Teilhabe ermöglichen.
Wie ich auf das Thema komme? Nun, vor ein paar Tagen gab ich mein Skript ab für das Kapitel über Bildungsarbeit im Praxishandbuch „Bibliotheken und Wohnungslosigkeit“, welches im Verlag DeGruyter ab August 2027 in Open Access und als Druck-Ausgabe erscheinen wird. Am 11. September 2027 zum bundesweiten Tag der Wohnungslosen erfolgt die Buchpräsentation. Federführend für den Sammelband ist Anne Sieberns, Leiterin der Bibliothek des Deutschen Instituts für Menschenrechte in Berlin.